13.11.2019 | Sprache/Literatur Aktuelles

Plattdeutsche Interferenzen und eine Weltpremiere

29. Kappelner Literaturpreis vergeben an Dörte Hansen

Um literarische Auszeichnungen ist sie nicht verlegen. Frisch von der Verleihung des Grimmelshausen-Preises im hessischen Gelnhausen war Dörte Hansen am Freitag, 8. November 2019, an die Schlei gekommen, um hier nun also den Niederdeutschen Literaturpreis der Stadt Kappeln entgegen zu nehmen. Ein Preis, der sie zum Nachdenken gebracht habe, bekannte die Bestseller-Autorin. Ob sie diesen Preis überhaupt verdiene, habe sie sich gefragt. Sie hat!

Hansens Literatursprache ist Hochdeutsch. Doch wie in ihrem Roman „Mittagsstunde“ geschehen, lässt sie Figuren plattdeutsch sprechen. Anders habe sie sich die Bewohner des fiktiven Dorfes Brinkebüll auf der nordfriesischen Geest gar nicht denken können. Die Jury (Heiko Gauert, Plattdeutscher Rat; Christoph Ahlers, NDR; Robert Langhanke, Europa-Universität-Flensburg; Bolko Bullerdiek, Preisträger 2018; Jan Graf, Heimatbund) lobte, dass Frau Hansen mit dieser Sprachverwendung das Niederdeutsche weit über den üblichen Radius plattdeutscher Literatur hinaus sichtbar gemacht habe.

Die Laudatio hielt die Göttinger Literaturwissenschaftlerin Dr. Barbara Scheuermann und verglich Dörte Hansens Dorf- und Familienschilderung mit den Werken Theodor Fontanes und Uwe Johnsons. Nicht nur habe Hansen das Niederdeutsche in der wörtlichen Rede zugelassen, auch sei das Hochdeutsche bei ihr versehen mit plattdeutschen Interferenzen, wenn z.B. Marret, Dorfsonderling und Mutter der Hauptfigur in „Mittagsstunde“, als „verdreiht“ und eben nicht als „verdreht“ beschrieben werde. Scheuermann entdeckte hier einen spezifischen „Hansen-Sound“, der süchtig nach mehr mache.

Ihr Nachdenken über den Kappelner Literaturpreis hat Dörte Hansen ebenfalls offenbart, was sie lange schon stört in der Begegnung mit der plattdeutschen Kulturszene: Zu oft werde das Plattdeutsche behandelt wie ein Patient oder ein Tier von der Roten Liste. Passend dazu las Hansen jenen Abschnitt aus „Mittagsstunde, in dem eine Städterin auftritt, die das Plattdeutsche der Hauptfigur bewundert, sich gar selbst radebrechend in Platt versucht und der Sprache, indem sie sie in bester Absicht mit Zuschreibungen wie „urig“ oder „niedlich“ belegt, letztlich jede Würde raubt – „…mööönsch Ingwer, wo geiht di dat…“.

Doch zuvor gab es einen von Moderator Jan Graf als „Weltpremiere“ angekündigten Leckerbissen für das Kappelner Publikum: Dörte Hansen hatte Passagen ihres Brinkebüll-Romans eigens ins Plattdeutsche übertragen und las diese in der vollbesetzten Alten Maschinenhalle. Ihr Kommentar danach: „Dat geiht ok.“ Das Publikum dankte mit tosendem Applaus.

Aus der Hand des Kappelner Bürgermeisters Heiko Traulsen sowie des Bürgervorstehers Frank Nickel erhielt Dörte Hansen Urkunde und 3000 Euro Preisgeld. Musikalisch rundete das Dragseth-Duo (Manuel Knortz und Kalle Johannsen) die Veranstaltung ab.