13.06.2019 | Sprache/Literatur Aktuelles

Langer Weg zum Liederaturbuch

„Das ist doch gar nicht kulturell wertvoll…“

Seit einem Jahr führt er Interviews, besucht Archive, sichtet Noten, Bilder, Texte. Der Hamburger Liedersänger und –sammler Jochen Wiegandt stellt im Auftrag des Schleswig-Holsteinischen Heimatbunds Material zusammen für ein neues Liederbuch für Schleswig-Holstein. Als buntes Lese-, Zeige- und Singe-Buch soll es wieder Lust machen auf Singen und gemeinsames Musizieren. Als Referent für Niederdeutsch und Friesisch betreut Jan Graf das Projekt beim Heimatbund und traf Jochen Wiegandt zum Halbzeit-Klöönsnack.

Graf: Welche Geschichte bearbeitest du gerade?

Wiegandt: Da ist zum Beispiel die Geschichte mit den Ostseewellen, die ja dann zu Nordseewellen geworden sind. Wir wissen, dass das Lied eigentlich aus Mecklenburg-Vorpommern gekommen ist. Dann hat ein gewisser Herr Fischer-Friesenhausen aus Soltau gedacht: „Ach, da kann ich ja auch mal Geld mit verdienen“, und hat sich das unter den Nagel gerissen und hat dann die Nordseewellen draus gemacht. Und die alte Dame Martha Müller-Grählert, die das Lied geschrieben hat damals, hat so gut wie nichts abbekommen. Auch der Komponist, der die Melodie geschrieben hat, die dann um die Welt gegangen ist, ist relativ leer ausgegangen. Das wird jetzt erst nach über achtzig Jahren aufgearbeitet, auch in den Medien. Das wäre zum Beispiel so eine Geschichte. Heute machen in Schleswig-Holstein viele Dörfer ihre Dorfhymnen zur Melodie der Nordseewellen.

Graf: Du suchst auch nach den kleinen Geschichten, solchen, die viele von uns ganz persönlich mit Liedern verbinden.

Wiegandt: Die meisten Menschen nehmen Lieder wahr, als etwas, was gedruckt ist und auf dem Papier steht und mit Noten und Texten bekannt ist. Früher war das Singen anders. Da haben die Leute das Lied nach dem Gedächtnis nicht mehr ganz richtig zusammengekriegt und dann irgendwas Neues gesungen. Wenn ich zum Beispiel höre, dass bei Familienfeiern früher gesungen wurde: „Maria und Josef, die hatten in Jerusalem ein Buttermilchgeschäft – in der Heimat gibt’s ein Wiedersehen“, dann sage ich: „Kann ich mir das mal eben aufschreiben? Die hatten in Jerusalem ein Buttermilchgeschäft? Das ist ja ganz eigenartig…“ Und dann schreibe ich mir das auf, und dann kommt der typische Satz: „Ach so etwas suchen Sie? Aber das ist doch gar nicht kulturell wertvoll…“

Graf: Aber es ist genau das, was du suchst.

Wiegandt: Es ist zum Teil das, was ich suche, denn die höhere Kunst ist schon gesammelt worden in der Volksliedarbeit der ganzen letzten Jahrzehnte. Da haben wir sehr fleißige Schleswig-Holstein-Forscher gehabt. Aber, was die dann verschwiegen haben, das existiert ja – will ich mal sagen – unter der Tischplatte noch irgendwo.

Graf: Da findet sich in den Liederbüchern dann der Passus „Weitere Strophen sind vorhanden, eignen sich aber nicht zur Wiedergabe“.

Wiegandt: …und schon gar nicht zu finden in den Schul-Liederbüchern!

Graf: Ein halbes Jahr suchst du bereits für unser Liederaturbuchprojekt. Bist du zufrieden mit der Ausbeute?

Wiegandt: Was die Ausbeute an Liedern betrifft, bin ich außerordentlich zufrieden. Da haben wir jede Menge und könnten sofort ein Liederbuch machen. Aber was die Ausbeute an Fotos, Berichten, Zeitungsartikeln, also, dieses ganze Drumherum betrifft, bin ich unglücklich, weil wir zu wenig haben. Zum Beispiel brauchen wir Bilder, um Seefahrtslieder, die an Ost- und Westküste gesungen wurden, zu illustrieren. Wie waren denn die Schiffe? Wie sahen die Häfen aus? Wie sahen die Leute aus? Was haben sie gefischt? Die einen sind nach Holland gefahren, die anderen sind in der Ostsee rumgeschippert. Also diese Unterschiede, das muss auch irgendwie dokumentiert werden.

Graf: Du brauchst Material.

Wiegandt: Ich brauche Material und zwar mächtig viel.

Halbzeit beim Liederaturprojekt des Heimatbundes: Liedforscher Jochen Wiegandt appelliert an die Menschen in Schleswig-Holstein, ihm die Geschichten zu erzählen, die sich mit ihren Liedern verbinden. Das können private, sehr persönliche Erinnerungen sein, das kann auch der Lauf der Welthistorie sein. Alle sind aufgerufen, sich mit Bildern, Gegenständen, Texten und ihrem Wissen zu beteiligen. Voraussichtlich in der Mitte des kommenden Jahres wird das „Liederaturbuch für Schleswig-Holstein“ im Wachholtz-Verlag erscheinen – herausgegeben vom SHHB.